6
Sep
2007

"Frauenzimmer" in fast voller Breite

Weil der Text zu schön und mit viel Inhalt ist, zur allgemeinen Verlustigung, bittteschööön >

KRÜNITZ, Oekonomische Encyklopädie, 1778:

"Frauen=Zimmer.
1. Ein Zimmer, d. i. Gebäude oder Theil eines Gebäudes, der für das weibliche Geschlecht bestimmt ist (:::)
2. Mehrere Personen weibliches Geschlechtes von gutem Stande, imgleichen das gesammte weibliche Geschlecht, in der anständigen Sprechart, als ein Collectivum und ohne Plural. (:::) Im gem. Leben und den niedrigen Sprech=Arten sind dafür Frauenvolk, Frauensleute, Weibo=Volk, Weibsleute, Weibspersonen üblich.
3. Eine einzele Person weibliches Geschlechtes von gutem Stande, da man von geringern Personen den Ausdruck Frauensperson, und von ganz niedrigen das Wort Weibsperson braucht.
(:::) Valens Acidalius, ein Arzt in Schiesien, gab eine Dissertation heraus, worin er behaupten wollte, daß die Weiber keine Menschen seyn.
Diese Dissertation erschien zuerst unter dem Titel: Dissertatio, quod mulieres non sint homines, zu Leipzig, 1595, in 4. (:::) und mit großer Heftigkeit widerleget. (:::)
Die alten Deutschen haben, wie Tacitus meldet, das weibliche Geschlecht hoch gehalten, und eine ihnen beywohnende Klugheit und Vorsichtigkeit erkannt; daher sie ihren Rath und ihre Ermahnungen niemahls verachtet, ja einige derselben als Prophetinnen in den wichtigsten zweifelhaften Geschäften zu Rathe gezogen. Der König zu Materan, auf der asiatischen Insel Java, läßt sich in seiuem Pallaste anders nicht, als von Weibern, bedienen, und vor demselben von bewehrten Weibern bewachen.

Der König daselbst, welcher gern als Kaiser geehrt seyn wollte, hatte eine Leibgarde von 10000 gewaffneten Weibspersonen, die ihn bey Tage und Nacht bedienen mußten. Sie gingen auch mit dem Könige zu Felde; und als die Holländer in einen Krieg mit ihm geriethen, mußten sie wider ihren Willen 1000 solche schöne Amazonen todt schlagen, ehe sie victorisiren konnten. Es geschah solches im J. 1683, und der König mußte die Holländer für seine souveräne Herren erkennen. Nach diesem hält er zwar noch 400 solche Concubinen, welches allemahl die schönsten Kinder aus dem Lande sind; allein, dieses ist nur ein Schatten gegen die vorige Herrlichkeit. Ihre Waffen sind noch jetzt scharfe Lanzen, und leichte Feuerröhre; sie haben aber keine Gelegenheit mehr, dieselben zu brauchen. Unterdessen hat doch eine Jede etwas besonderes zu thun. Z. E. Eine sorget für des Königs Toback; die andere für seine Pantoffeln; die dritte hält ihm einen Sonnenschirm über das Haupt; die vierte wedelt ihm die Fliegen von der Nase; und die übrigen haben etwa eine andere Bedienung, welche zwey oder drey Kammerdiener alle mit einander verrichten könnten.

Bey den galanten Otaheiten, und selbst bey den christlichen Morlacken, dürfen die Weiber nicht mit den Männern an Einem Tische sitzen; bey den Letztern schlafen sie gar vor dem Bette des Mannes auf der bloßen Erde. Auf einigen, der neulich von den Engelländern besuchten Inseln der Süd=See, ist es so sehr eingeführt, daß die Frau bey den Spatziergängen des Mannes den Bündel schleppt, daß so gar ein Bedienter des Capitän Cook, der seinem Herrn etwas nachtrug, sich dadurch einige zärtliche Begegnungen von den Wilden zuzog, weil sie ihn für ein Frauenzimmer hielten. Bey den Indianern in Guiana muß die Dame ihrem Herrn, wenn er auf die Jagd geht, die Hunde nachtragen, damit das arme Vieh nicht müde werde; und wenn sie noch jung sind, müssen sie ihnen auch unterweges, als ob es eigene Familie wäre, die Brust geben. Unter den meisten Indianern, haben sie die Ehre einer Verrichtung ausschließlich, die der Grund aller übrigen ist, nähmlich das Feld eigenhändig zu bauen, auch die Hütten aufzuschlagen, und überhaupt die harten Arbeiten zu thun, während daß der Mann auf der Jagd ist oder schläft. Dabey dürfen sie keine Kindermädchen halten, sondern schleppen die Kinder überall mit, säugen sie über die Schulter, oder stecken sie, wie die Esquimaux, in die Pelzstiefeln. In Loango, darf die Frau nicht anders als kniend mit dem Manne reden. In Persien sind die Damen von der Poesie ausgeschlossen; sie sagen: wenn die Henne krähen will, muß man ihr die Kehle abschneiden. Am galantesten werden sie von den Samojeden behandelt; sie dürfen nicht allein nicht am Tische mit dem Manne essen, sondern er spricht, einige zärtliche Abende ausgenommen, nicht einmahl mit ihnen, sondern läßt sich alles an den Augen absehen. Das Abpacken der vorn auf den Schlitten gebundenen Kleider darf sie nicht von oben verrichten, sondern muß unter den Stangen durchkriechen, zwischen welche das Rennthier gespannt ist. Auch darf sie bey einer Schlittenreise niemahls zwischen zween Schlitten durch gehen, wenn sie auf die andere Seite des Zuges will, sondern muß entweder wieder unter den Stangen durchzukom<14, 805>men suchen, oder um den ganzen Zug herum laufen.

Die Frage: Ob die Natur dem Frauenzimmer eben so viel Stärke des Leibes und der Seele ertheilt habe, als dem männlichen Geschlechte? verdient eine nähere Untersuchung. Nach dem ersten Anscheine von den heutigen menschlichen Gesellschaften zu urtheilen, ist diese Frage fast keinem Zweifel mehr unterworfen; alles spricht zum Vortheile des männlichen Geschlechts. Ist es aber von unserer Seite nicht Mißbrauch, und gibt das weibliche Geschlecht nicht allzu sehr hierinn nach? Gesetzt, das menschliche Geschlecht hätte in dem bloßen Zustande der Natur bestehen können, wie ihn Rousseau mit so starken Zügen abschildert, würde man wohl alsdenn einen merklichen Unterschied zwischen den Kräften der beyden verschiedenen Geschlechter haben entdecken können? Wie sollte man diesen Unterschied auch finden, da die Natur, indem sie dem weiblichen Geschlechte unsere Bedürfnisse zutheilte, ihnen auch nothwendiger Weise die nähmlichen Mittel zeigen mußte, wodurch wir Mannspersonen diesen Bedurfnissen abhelfen. Ist der Wilde und seine Frau hungerig, so gehen beyde gleich begierig auf Nahrung aus; sie springen beyde mit gleicher Gelenksamkeit von Baum zu Baum, und beyde verfolgen mit gleichem Muthe ihren Raub. Hohe Berge und reißende Flüsse erschrecken sie nicht, und halten sie nicht zurück. Verfolgt sie ein reißendes Thier, so fassen sie es mit einem sichern Auge. Der natürliche Instinct, welcher weit schneller und sicherer geht, als die Ueberlegung, bewaffnet sie, führt sie zum Streit, und verschaffet ihnen den Sieg.

Dieses Gemählde, welches bloß die Einbildungskraft entworfen zu haben scheint, ist nach der wirklichen Geschichte eines wilden Mägdchens gemacht, welches im J. 1731 gegen Abend in das Dorf Songi in Champagne kam, und damahls 9 bis 10 Jahre alt seyn mochte. Sie ging barfuß, war mit Fellen und alten Lumpen bedeckt, hatte die Haare unter einem ausgehöhlten Kürbiß stecken; und dem Gesichte und den Händen nach war sie so schwarz wie eine Mohrinn. Sie war mit einem kurzen dicken Stocke bewaffnet, der an dem einen Ende wie eine Kenle zulief. Ein Bauer, der vor ihrer seltsamen Figur erschrack, hetzte einen großen Hund, der ein Halsband mit eisernen Stacheln um den Hals hatte, auf sie los. Als das wilde Mägdchen ihn voller Wuth auf sich ankommen sah, erwartete sie ihn festes Fußes, und hielt ihre kleine Keule mit beyden Händen in einer Stellung, wie Leute, welche die Axt von der Seite halten, um ihre Hiebe desto gewisser zu thun; und da ihr der Hund nahe genug gekommen, brachte sie ihm einen so entsetzlichen Schlag auf den Kopf bey, daß er sogleich todt zu ihren Füßen fiel. Man bemerkte hernach, daß ihre Finger, insonderheit ihre beyde Daumen gegen die übrige Hand außerordentlich groß und stark waren; und sie sagte in der Folge, daß ihr diese dicke starke Finger und Daumen in ihrem wilden Zustande sehr nöthig gewesen; denn wenn sie auf einem Baume war, und, ohne herunter zu steigen, sich auf den andern begeben wollte, stämmte sie sich mit ihren beyden Daumen auf einen Ast, und schwang sich so auf den nächsten Baum, wie ein Eichhörnchen. Einige Tage vorher, ehe dieses wilde Mägdchen gefangen wurde, sah man sie in einem Flusse schwimmen und untertauchen; einige Zeit darauf kam sie wieder hervor, hielt in jeder Hand einen Fisch, und zwischen ihren Zähnen einen Aal. Diese Neigung behielt sie noch viele Jahre während ihres Aufenthaltes in Frankreich; sie sprang in das Wasser, fischte mit der Hand, und schwamm wie ein Fisch, ohne Eis und Kälte zu scheuen.
Eine ausführlichere Geschichte dieses Mägdchens, findet man in Hrn. Grafen v. Büffon allgem. Naturgesch. nach der Ausgabe des Hrn. D. Martini, 6 Th. Berl. 1774, 8. S. 269, fgg.

Dieses scheint ein hinlänglicher Beweis von den männlichen Kräften eines Frauenzimmers zu seyn, welches noch in dem Stande der Natur lebet. Das wilde Mägdchen war noch überdieß, wie sie sagte, in einem Lande gebohren, welches nur von halbwilden Menschen bewohnt wurde, weil sie in einer Art von Gesellschaft lebten. Was vor Kräfte müßte sie nicht unter ganz wilden Menschen gehabt haben!

Das weibliche Geschlecht hat also bloß durch die Civilisirung (wenn es, dieses Ausdrucks sich zu bedienen, erlaubt ist,) einen großen Theil der Leibesstärke verloren, welche die unparteyische Natur ihnen so wohl mitgetheilt hat, als den Männern. In der menschlichen Gesellschaft sind die Weiber des gemeinen Mannes, welche gar oft die schwersten Arbeiten verrichten müssen, mehr wie Mannspersonen, als Frauenzimmer, anzusehen. Man sieht sie auf den Marktplätzen und auf dem Felde, aller Orten mit den Männern vermischt; sie müssen sich unter eben die Lasten biegen; und kommen sie nach Hause, so warten neue Arbeiten auf sie. Die Frau muß ganz allein für die Nahrung einer Heerde von Kindern, und alter Leute sorgen, die zu nichts mehr fähig sind, und von denen sie eine allgemeine Mutter abgeben muß. Sie scheint beyden Geschlechtern zu zugehören, und muß nicht allein ihre eigene Arbeiten, sondern auch noch sehr oft die Arbeiten des Mannes übernehmen.

Kommt sie aber durch Glück oder Zufall in eine höhere Sphäre, so geräth sie auf einmahl in eine neue Welt; und so viel sie in Ansehung der Eigenschaften des Geistes gewinnt, so viel verliert sie auf der andern Seite an Stärke des Körpers, und an der Fähigkeit zur Arbeit. Sie entwischt den Händen der Natur, und geräth in die Hände der Kunst. Sie ist dem Manne nicht mehr gleich, und nicht mehr seine Gefährtinn in der Arbeit; sie scheint ihr zu schwer, und der Schönheit allzu schädlich zu seyn, die sie nunmehr als ihr einziges Verdienst ansieht, weil die Mannspersonen nichts weiter von ihr verlangen, als daß sie gefallen soll. Da sie allein damit beschäftigt ist, sich liebenswürdig zu machen, und die Reitze zu erhalten, die sie zu verlieren fürchtet: so überläßt sie sich nach und nach einem weichlichen Müßiggange, der ihr zwar auf einige Zeit die Herrschaft über die Herzen zuwege bringt, sie aber doch auf immer in einen Zustand von Schwachheit und Unterwürfigkeit versetzt, welchen ihr die Natur nicht bestimmte. Was hat sie vor Leibesbewegungen in diesem Leben der Wollust, des Reichthums und des Ueberflusses? Für sie geht die Sonne nicht auf; sie hat schon über die Hälfte ihrer Laufbahn vollendet, wenn sie sich einer Schaar von Kammermädchen übergibt, die ihr auch die allerleichteste Arbeit ihres Putzes ersparen. Vergeblich stehen die auserlesensten und theuersten Speisen vor ihr, denn sie hat keinen Hunger. Will sie ein Schauspiel oder eine Spielgesellschaft besuchen: so müssen fremde Kräfte sie dahin bringen, die ihr nunmehr nothwendig geworden sind, da sie durch die Weichlichkeit ihre eigene verloren hat.

Wenn indessen das Frauenzimmer, so wie ich es jetzt geschildert habe, den Mannspersonen in Ansehung der Kräfte des Leibes so sehr nachsteht, haben sie denn nicht vielleicht desto mehr in Ansehung des Witzes gewonnen? Es ist ausgemacht, daß dasjenige, welches wir gemeiniglich Witz zu nennen pflegen, nichts anders sey, als eine Fertigkeit, Ideen zu haben, und unter einander zu vergleichen; eine Fertigkeit, welche desto größer und ausgebreiteter seyn muß, je größer, wichtiger und zahlreicher die Gegenstände selbst sind, an denen man sie ausüben kann. Gibt man einem Frauenzimmer eine eben so allgemein ausgebreitete Erziehung, als man gewöhnlicher Weise den Mannspersonen zu geben pflegt, so werden sie selten hinter ihnen zurückbleiben. Ihr Verstand, der, wie der meisten andern Frauenzimmer ihrer, nur kindisch, spielend, angenehm und auf Kleinigkeiten gerichtet gewesen wäre, wird ernsthafter, edler und gründlicher. Er durchdringt die abstractesten Wissenschaften eben so leicht, als er sich mit dem Angenehmen in den schönen Künsten und Wissenschaften beschäftigt. Ein kühner Schwung erhebt ihn über die gemeinen Begriffe; und wird derselbe durch eine anhaltende Uebung unterstützt, so wird er oft ein Genie. Solche Frauenzimmer sind indeß Erscheinungen, welche nur darum so viel Verwunderung erregen, weil sie so selten sind; und diese Weiber, die sich selbst zu Männern machen, wie eine von ihnen sich ausdrückt, sind mehrentheils die einzigen ihres Landes und ihres Jahrhunderts. Alle die andern, welche durch den einförmigen Wirbel der Erziehung mit fortgerissen werden, sehen sich natürlicher Weise bloß auf die Gegenstände eingeschränkt, durch die sie gefallen können. In diesem engen Zirkel werden sie beständig herumgetrieben, und desto leichter darin erhalten, da sie sich bloß mit nichtswürdigen Dingen darin zu beschäftigen haben. Es ist also nicht zu verwundern, daß ihr Verstand, zu dem nichts Männliches und Großes, Zugang erhalten kann, und der, wie der Kinder ihrer, auf lauter Kleinigkeiten und Spielzeugen herumhüpft, in einer beständigen Kindheit bleibt, und es ihnen nothwendiger Weise unmöglich fallen muß, der Gesellschaft mit Arbeiten zu nutzen, welche viel Größe und Stärke des Geistes erfordern. Sie nehmen also nur den zweyten Rang ein, und sind zufrieden, daß sie die Zierde und das Vergnügen der Gesellschaft ausmachen. Dieser Rang, den ihnen das Glück angewiesen hat, an statt sie zu großen Dingen zu erheben, scheint sie noch mehr herabgesetzt, und von der Sorge gänzlich entfernt zu haben, die Last der öffentlichen Angelegenheiten mit den Männern zu theilen. Alles wird durch Mannspersonen überlegt und behandelt, ohne daß man Frauenzimmer zu Rathe ziehen, oder zur Ausführung einer Sache brauchen sollte. Bey dem gemeinen Mann ist die Frau die Gefährtinn seiner Arbeiten; in einem höhern Stande ist das Frauenzimmer der Abgott der Männer, den sie bloß anbeten und verehren, und nicht einmahl wollen, daß sie sich um das geringste bekümmern, was die Angelegenheiten des Staats oder der Haushaltung betrifft. Diese Art von Verehrung, welche man ihrem Geschlechte und ihren Reitzen erweiset, ist ein bloßer Schein, und die Frauen=Zimmer fallen in der That dadurch in eine Art von Erniedrigung, die sie, wegen der vielen Zerstreuungen ihrer Lebensart, und wegen der Sorglosigkeit, zu der man sie verdammt zu haben scheint, nicht wahrnehmen. Die Mannspersonen, welche die ersten Stellen in der menschlichen Gesellschaft bekleiden, werden, in Ansehung ihrer, wahre unumschränkte Herren. Sie sind es, welche befehlen, und das Frauenzimmer findet alle Zugänge zur Herrschaft verschlossen. Durch ihre Schwachheit sind ihre Anbeter ihre Tyrannen geworden, und sie sind wirklich ihre Sclavinnen, indem sie Königinnen der Welt heißen. Dennoch sind sie eben so fähig, wie die Manns=Personen zu denken und zu handeln; aber sie müßten ihren gewöhnlichen leeren Beschäftigungen und Zeitvertreiben entsagen, ihren Verstand üben, und sich zu ernsthaften Arbeiten geschickt machen. Man laße sie sich also aus dem engen Zirkel herausreißen, in welchem man sie bisher eingeschlossen gehalten, und sich nicht vor dem Lächerlichen fürchten, womit sie neidische Frauen, oder Männer, welche ihre Verdienste nicht einsehen können, so gern demüthigen wollten. Man laße sie wie Männer arbeiten, und sie werden Stärke genug finden, die Herrschaft der Welt mit ihnen zu theilen. Sappho war ein großer Dichter; Dacier, ein großer Kunst=Richter; die Markisinn von Chatelet, ein großer Meß=Kunstler; v. Schurmann, ein großer Gelehrter; und Elisabeth, ein großer König. Auch noch in unsern Tagen ist Catharina die Zweyte ein großer Kaiser; Maria Theresia, ein großer Kaiser=König; d' Eon, ein großer Held und Staatsmann, und Karschinn, ein berühmter Dichter.

Daß es dem Frauenzimmer an Herzhaftigkeit nicht mangele, die Waffen zu führen, beweisen die Exempel nicht nur der ehemahligen Amazonen, sondern auch unzähliche, welche sich zu unsern Zeiten begeben, da Frauenspersonen unbekannter Weise mit großem Ruhme und Tapferkeit Kriegsdienste gethan haben. Und daß es ihnen an der natürlichen Geschicklichkeit, Künste und Sprachen zu erlernen, nicht fehle, davon reden so viele zum Theil noch lebende, oder doch zu unsern Zeiten am Leben gewesene Beyspiele hoher und niederer Personen, welche durch ihre Gelehrsamkeit sich einen herrlichen Ruhm erworben, welche Jo. Andr. Planerus, in seinem Gynaeceo docto; Paulini, im hoch= und wohlgelahrten deutschen Frauenzimmer; Lehms, in seinen galanten Poetinnen, und a. zusammen getragen. Vor ihnen haben Jac. Thomasius und Joh. Sauerbrey zwey Dissert. de fœminarum eruditione, und Lud. Jac. a S. Carolo eine Bibliothecam illustrium fœminarum, quae scriptis clarverunt &c. herausgegeben.

Ich füge noch eine Betrachtung über die heutige Freyheit der Frauenzimmer in Ansehung der männlichen Gesellschaft, hinzu. Von Franz dem Ersten, Könige von Frankreich, wurde unter andern wichtigen Veränderungen in den Sitten und Gebräuchen, auch die Gesellschaft der Damen an seinem Hofe eingeführt. Anna von Bretagne hatte ihnen zwar auch schon erlaubt, am Hofe zu erscheinen; dieses erstreckte sich aber bloß auf ihre Hof=Damen, die bey ihr in wirklichen Diensten standen; die andern erschienen nur an sehr großen Ceremonientagen, und begaben sich nach kurzer Zeit wieder hinweg. Franz aber brachte sie in Menge an seinen Hof, und ließ sie an allen Lustbarkeiten, wenn sie auch noch so frey waren, und noch so lange in die Nacht dauerten, Theil nehmen. Galanterie und Intrigue schlug mit ihnen zugleich an seinem Hofe ihren Wohnsitz auf. Ein Hof ohne Damen, ” sagte dieser Herr: „ ist ein Jahr ohne Frühling, ein Frühling ohne Rosen. ” Es ist ein Garten ohne Blumen, setzt ein damahliger galanter Geschichtschreiber hinzu, und gleicht mehr dem Hofe eines Satrapen oder Türken, als dem Hofe eines großen christlichen Königes. Dieser Zusammenfluß von dem schönsten vornehmsten Frauenzimmer, und die natürliche Pracht von Franz dem Ersten, machte, daß auch die gewöhnlichsten Tage das Ansehen von Galla=Tagen hatten. Die Geschichte zeigt uns, daß diese Mode des französischen Hofes gar bald an den mehresten europäischen Höfen nachgeahmt wurde; und, wie es natürlich war, und die Erfahrung schon längst bestätigt hat, von den hohen kam diese Mode auch zu den niedrigen Classen; und alle Frauenzimmer wurden verhältnißweise weit mehr, als sonst, zu den Gesellschaften und Lustbarkeiten der Mannspersonen gezogen.

Es entstehen hierbey die Fragen: Haben die Manns=Personen durch den freyern Umgang mit Frauenzimmern, und haben die Frauenzimmer durch den freyern Umgang mit Mannspersonen, gewonnen, oder haben sie beyderseits Schaden davon gehabt? Und dann, was haben sie gewonnen? was für Schaden haben sie davon gehabt? Bevor ich eine Erörterung dieser Fragen unternehme, erlaube man mir, vorher noch eine Anmerkung zu machen. Es ist nähmlich doch sonderbar genug, daß fast alle ältere Nationen, die uns bekannt geworden, und der größte Theil von den neuern, in Ansehung des Frauenzimmers fast immer auf einerley Art gedacht haben. Fast bey allen war eine gewisse Eingezogenheit, und eine gewisse Unterwürfigkeit, welche manchmahl in eine Art von Sclaverey ausartete, die Bestimmung des Frauenzimmers. Hauptsächlich gilt dieses von allen asiatischen Nationen, welche, aller Wahrscheinlichkeit nach, die ältesten Völker des Erdbodens sind, und gewiß zu denjenigen gehören, die am frühesten gebildet und gesittet wurden. Der Gebrauch, das Frauenzimmer eingeschlossen zu halten, und nicht in Gesellschaften von Mannspersonen kommen zu laßen, ist bey ihnen sehr alt. Wir finden dieses in den allerältesten Nachrichten; und die heutigen Nachkommen dieser Völker, oder Besitzer ihrer Länder, haben in diesem Stücke nicht das mindeste von den alten Gebräuchen nachgelaßen. Ich weiß gar wohl, wie geschwinde man dieses zu erklären pflegt. Das Klima hat alle Schuld, oder man nimmt auch seine Zuflucht zum Vorurtheile. Das Klima gilt bey mir, in Erklärung der Sitten und des Characters einer Nation, nicht so viel als bey dem Hrn. v. Montesquieu, so sehr ich auch sonst diesen wirklich großen Schriftsteller verehre; und mit dem Vorurtheile läßt sich freylich viel vor der Faust weg erklären. Aber, dem sey wie ihm wolle; ein Vorurtheil, welches bey sonst vernünftigen und gesitteten Völkern allgemein lange sich erhält, durch keine Revolutionen der Zeit, durch keine andere Veränderungen im Staate, geschwächt wird, sondern mit gleicher Stärke viele Jahrhunderte lang aufrecht bleibt, wenn benachbarte Völker, oder zu der alten Nation neu hinzu gekommene Ankömmlinge, auch gleich ein ander Beyspiel geben; ein solches Vorurtheil, muß ich gestehen, ist mir immer ehrwürdig; und ich kann mich nicht bereden, daß man zu Einführung und Erhaltung desselben nicht sehr gute Gründe gehabt haben sollte. Wenigstens ist es ebenfalls nicht weniger sonderbar, daß die europäischen Nationen, welche von den asiatischen, in Ansehung des Klima, der Religion, und der übrigen Sitten und Gebräuche so verschieden sind, in dem Puncte des Frauenzimmers vor nicht gar langer Zeit ungefähr noch eben so gedacht haben, als die asiatischen Völker.

Wie lange ist es wohl her, daß in Italien und Deutschland das Frauenzimmer sich noch nach gar strengen Regeln der Eingezogenheit bequemen mußte? In Italien hat zwar dieser Zwang, neuern Berichten und Erfahrungen zu Folge, sehr aufgehört; und in Deutschland ist er noch ehe, durch die französische Gesetzgebung in allem was zum Gebieth der Mode gehört, gemildert worden; indessen trifft man doch davon in alten Reichsstädten, und in entlegenen Provinzen, wo die französische Nachahmungssucht sich nicht so geschwinde hat ausbreiten und Wurzel fassen können, noch sehr starke Spuren davon an. Wie strenge die Eingezogenheit des Frauenzimmers in Portugal und Spanien noch heutiges Tages sey, ist bekannt. Werden alle diese Nationen durch einerley Vorurtheil geleitet, so müssen sich zu diesem allgemein im Schwange gewesenen, und zum Theil noch herrschenden Vorurtheil unstreitig sehr viel wichtige Gründe vereinigt haben. Die vornehmsten derselben sind nicht zu verkennen. Strenge Eingezogenheit von Seiten des Frauenzimmers ist nähmlich, im Ganzen genommen, ihnen gewiß in mancherley Absicht allezeit vortheilhafter, als eine Freyheit des Umganges mit dem männlichen Geschlechte, deren schädliche Folgen nicht wohl vorausgesehen und verhindert werden können. Ich sage mit Fleiß: im Ganzen genommen; weil ich gern zugebe, daß man diese Eingezogenheit in einzelnen Fällen zu weit treiben, und dadurch ebenfalls schädliche Folgen erzeugen könne.

So viel ist gewiß, es ist eine fast allgemein gewordene Meinung, daß wir Mannspersonen durch den freyen Umgang, der uns mit Frauenzimmern gestattet worden, sehr viel gewonnen haben sollen. Ein gewisser engländischer Schriftsteller glaubt, daß die großen Revolutionen in seiner Nation, die vielen Rebellionen und Empörungen, und die ihnen sonst so gewöhnlich gewesenen blutdürstigen Anschläge und Projecte, bloß dadurch nicht mehr so öftere Erscheinungen seyn, weil der Geist der Mannspersonen durch den Umgang mit dem Frauenzimmer überhaupt feiner und sanfter geworden, weil man in ihrer Gesellschaft nicht mehr so viel Gelegenheit gefunden habe, sich beständig mit Staatsangelegenheiten und Anschlägen zu Stiftung neuer Factionen zu unterhalten, weil man an ihren Scherzen und Vergnügungen mehr Antheil nehmen müssen, als sonst, und weil durch ihre natürliche Furchtsamkeit und Gutherzigkeit manches verhindert worden, welches Mannspersonen allein, ohne Verbindung mit Frauenzimmern, gewiß würden ausgeführt haben. Er rechnet hierzu auch noch das Spiel, welches seit einem halben Jahrhundert in allen Gesellschaften eingeführt ist, und woran die Damen heutiges Tages einen so großen Antheil nehmen. Auch dadurch, sagt er, daß wir einen großen Theil unserer müßigen Stunden am Spieltische mit Frauenzimmern zubringen, auch dadurch ist der Parteygeist und die Begierde nach Revolutionen im Staate gemindert worden, und der Kopf und Verstand, welcher sonst durch seine Anschläge ein Reich in Verwirrung gesetzt haben würde, begnügt sich jetzt, sich mit Verstand und Geschicklichkeit aus einem schweren und verwickelten Spiele heraus zu helfen.

Wenn es wahr ist, daß wir diese Vortheile dem Frauenzimmer und dem Spiele mit Frauenzimmern zu verdanken haben: so wäre die Frage: Was haben wir durch den freyen Umgang mit Frauenzimmern gewonnen? schon ziemlich entschieden. Gar viel hätten wir nähmlich gewonnen; denn wer wollte sich nicht freuen, daß die unruhigen Zeiten der Fehde, des Aufruhrs und der Zwietracht, unter den verschiedenen Ständen einer Republik einmahl aufgehört, und, an ihrer Statt, Ruhe, Sicherheit, Freude, Lachen und Scherz ihre Wohnung unter uns aufgeschlagen hätten! Ja, wir können noch weiter gehen, und sagen, daß, so wie diese Leidenschaften der Mannspersonen durch den Umgang mit dem Frauenzimmer ausgerottet oder wenigstens gemildert worden, auch alle unsere andere Seelenkräfte, durch den Umgang mit ihnen, zärtlicher, sanfter, und, mit Einem Worte, menschlicher geworden, welches mit sehr einleuchtenden Beyspielen bewiesen werden könnte.

Aber, sollten wir auf der andern Seite nicht auch etwas verloren haben, besonders, wenn der Umgang mit Frauenzimmern, wie in manchen Ländern geschieht, zu sehr die Hauptbeschäftigung ist, und auf alle Handlungen der Mannspersonen einen sichtbaren Einfluß hat? Sollte nicht eine gewisse zu große Weichlichkeit in den Sitten nach und nach einschleichen? Sollte der männliche Character von seinem Eigenthümlichen nicht zu viel verlieren? Sollten große und wichtige Geschäfte durch die Begierde, so viel Zeit als möglich, bey der schönen Hälfte des menschlichen Geschlechts zu zubringen, nicht eine merkliche Vernachläßigung erleiden? Ich getraue mir nicht, diese Fragen vollkommen zu entscheiden. Ein aufmerksamer Beobachter der Menschen mag sie untersuchen, und urtheilen, wie weit sie wahr seyn oder nicht. Aber, so viel ist wohl nicht zu läugnen: die Nation, bey welcher der Umgang mit dem Frauenzimmer fast alle Glückseligkeit und Anmuth der menschlichen Gesellschaft ausmacht, und bey der die Damen fast in allen Stücken den Ton angeben, die Franzosen nähmlich haben sich schon von mehr als Einem ihrer moralischen Schriftsteller müssen vorwerfen laßen, daß die Herrschaft der Damen, unter welche sie sich in den neuern Zeiten fast ganz ohne Einschränkung begeben, von sehr nachtheiligen und übeln Folgen für den Staat gewesen sey.

Die andere Frage war: Haben die Frauenzimmer durch den freyern Umgang mit uns Manns=Personen ebenfalls Vortheil gehabt, oder nicht? Bey allen dem Stolze, bey aller der Einbildung, die wir von unserm eigenen Geschlechte zu haben pflegen, möchte diese Frage doch nicht so leicht zu bejahen seyn. Wenn eine gewisse Zurückhaltung, eine gewisse Bescheidenheit und Sittsamkeit, eine gewisse blöde Furchtsamkeit, die jedoch nicht menschenscheu ist, unter die Eigenschaften des Frauenzimmers gehören, die ihr Geschlecht so wohl kleiden, und uns Mannspersonen am meisten zu gefallen pflegen: so weiß ich nicht, ob diese liebenswürdige Eigenschaften im allzuöftern und freyern Umgange mit dem von Natur härtern männlichen Geschlechte nicht sollten gelitten haben. So viel ist wenigstens gewiß: in dem Lande, wo die Gesellschaften am meisten aus beyderley Geschlechtern gemischt sind, in Frankreich nähmlich, hat man die Anmerkung gemacht, daß das weibliche Geschlecht daselbst nicht so viel von der Sanftmuth, Sittsamkeit und Bescheidenheit an sich habe, als in andern Ländern, wo dasselbe eingezogener und von der Gesellschaft mit Mannspersonen entfernter gehalten wird. Man gibt den französischen Damen Schuld, daß ein zu männliches Betragen ihren andern Reitzen Schaden thue, und mit Einem Worte, daß ein gewisser ama<14, 818>zonischer Ton unter ihnen herrsche, der von Ausländern eben nicht sehr zu ihrem Vortheil bemerket werde. Sollten diese Anmerkungen richtig seyn, so würden unsere Frauenzimmer, je mehr sie sich diesem französischen Tone zu nähern suchten, um desto mehr auch von den ihnen sonst eigenthümlichen Reitzen verlieren, die doch zu allen Zeiten die vornehmste Zierde des weiblichen Geschlechts ausgemacht haben.

Einen Vortheil, wird man sagen, haben die Frauenzimmer gewiß durch die Freyheit, ohne den ehemahligen Zwang mit uns umzugehen, erhalten; diesen nämlich, daß beyde Geschlechter mehr Gelegenheit erlangt haben, sich einander kennen zu lernen. Hierdurch ist die Stiftung vergnügter Ehen sehr erleichtert worden; die Mannsperson ist nicht mehr in der traurigen Nothwendigkeit, mit einem Frauenzimmer, das er vielleicht nur eine halbe Stunde vorher hat kennen lernen, sich auf seine ganze Lebenszeit zu verbinden. Das Frauenzimmer kann ebenfalls mehr Wahl anstellen, und ist nicht mehr, mit verbundenen Augen gleichsam, denjenigen, welchen ihr ihre Verwandte ausgesucht haben, ohne Widerrede anzunehmen gezwungen, wie solches bey so vielen Völkern gewöhnlich gewesen ist.

Wenn diese Vortheile durch die wirkliche Erfahrung bestätigt werden, so habe ich nichts dagegen. Schwer sollte es indessen nicht seyn, ziemlich einleuchtend zu zeigen, daß, durch diesen öftern und freyern Umgang beyder Geschlechter mit einander, auch manche Hindernisse der Ehen erwachsen können, wenn der eine oder andere Theil, durch flüchtige Reitzungen zu sehr eingenommen, die Stimme der Klugheit und Erfahrung nicht höret, nach gewissen romanhaften Grundsätzen seine Wahl anstellt und ausgeführt wissen will, und auf solide Eigenschaften weniger sieht, als auf Nebenreitzungen von Stand, Jugend und Vermögen.

Doch vielleicht ist es auch hier, wie bey den mehresten andern Dingen in der Welt; die Mittel=Straße wird nähmlich wohl die beste und sicherste seyn. Ein allzugroßer orientalischer Zwang hat seine unangenehme Folgen, und eine zu große Freyheit im Umgange noch mehr. Eine kluge und vorsichtige Wahl in Ansehung der männlichen Gesellschaft, wird das Frauenzimmer am besten davor in Sicherheit setzen.
(:::)."

Aus: http://www.kruenitz1.uni-trier.de/
Für das wissenschaftliche Arbeiten sollte allerdings die gedruckte Originalversion verwendet werden.
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